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Zahnärztliche Aspekte beim Sjögren-Syndrom

Zahnärztliche Aspekte bei der Behandlung von Patienten mit einem Sjögren-Syndrom
 

OA Dr. Dr. Michael Stiller
Zahnklinik der Freien Universität Berlin

Das Sjögren-Syndrom ist eine häufige, chronische, autoimmunologisch- rheumatische Erkrankung, die durch das Vorhandensein folgender Merkmale charakterisiert wird:

 

1. Entzündung der Hornhaut und Bindehaut des Auges,

 
2. Mundtrockenheit und


3. Rheumatische Grunderkrankung (z.B. Rheumatoide Arthritis, systemischer Lupus erythematodes, Sklerodermie u.a.)

 

Bei Vorliegen von 1. und 2. spricht man von einem primären, kommt zusätzlich noch 3. hinzu, von einem sekundären Sjögren-Syndrom. Typisch für die Erkrankung sind chronisch entzündliche Vorgänge in nahezu allen szernierenden Drüsen (z.B. Drüsen der Magenschleimhaut, der Bauchspeicheldrüse und des Vaginaltraktes). Am häufigsten- und für den Patienten am lästigsten sind jedoch entzündliche Vorgänge in den Tränen- und Speicheldrüsen, die durch eine oftmals erheblich eingeschränkte Drüsenfunktion oder auch durch völliges Erlöschen der Sekretion Beschwerden bereiten.

Von besonderer Bedeutung für den Zahnarzt aber auch den HNO-Arzt ist die verminderte Speichelproduktion und deren Folgezustände.

Es muss hier vorausgeschickt werden, dass der Mensch insgesamt vier große Speicheldrüsen (zwei Ohrspeicheldrüsen und zwei Unterkieferspeicheldrüsen) und eine große Anzahl kleiner ca. stecknadelkopfgroßer Speicheldrüsen in der Mundschleimhaut und dem Gaumen besitzt. Beim Sjögren-Syndrom sind alle Speicheldrüsen mehr oder weniger beteiligt und können erheblich an Funktion einbüßen. Durch langandauernde entzündliche Reize werden die Drüsen zerstört, wobei das normale Drüsengewebe allmählich durch minderwertiges Gewebe ersetzt wird (kein Geschwulstgewebe!). In einem solchen Fall ist es dann auch nicht mehr möglich, die Speicheldrüsen durch z.B. Medikamente zu reizen und so die Mundrockenheit zumindest zu lindern.

 

Der Speichel besitzt für die Ökologie" der Mundhöhle und des Rachens eine zentrale Bedeutung. Er kleidet die Schleimhaut mit einem Eiweißfilm aus und schützt diese so vor der mechanischen Belastung durch den Kauakt. Weiterhin fördert ein stabiler Speichelfilm die regenerative Kapazität der Mundschleimhaut. Der Speichel leitet außerdem mit Verdauungsenzymen die erste Phase der Verdauung der Nahrung ein und enthält wichtige Faktoren der Immunabwehr, die sog. sekretorischen Immunglobuline. Da die Mundhöhle mit Bakterien und auch manchmal mit Pilzen besiedelt ist, kommt dabei dem Speichel die zentrale Bedeutung der Immunabwehr im Mund zu. Im Speichel enthalten sind auch Entzündungszellen, die jedoch hauptsächlich dem Zahnfleischsaum entstammen. Zusammen sorgen diese Faktoren dafür, dass alle Einflüsse, die die Mund- und Rachenschleimhaut schädigen können, minimiert werden. Nicht zu unterschätzen ist die Rolle des Speichels bei der Remineralisation der Zähne nach Säurebefall (Ursache der Zahnkaries) und der Spüleffekt" zur Verminderung der Zahnplaqueakkumulation.

 

Kommt es, wie z.B. beim Sjögren-Syndrom, zu einer Verminderung der Speichelproduktion, so muss mit einer Reihe von Folgen für den Patienten gerechnet werden. Diese lassen sich einteilen in

1. Schäden der beweglichen und befestigten" Mundschleimhaut, und

2. Schäden, von Zähnen und Zahnhalteapparat (Parodontium).

Betrachten wir die Folgen für die Mundschleimhaut, so zeigen sich oft gerötete Schleimhäute, da der schützende Speichelfilm fehlt und so mechanische, mikrobiologische und chemische Faktoren direkt auf die Schleimhaut einwirken. Kommt dann noch eine allgemeine Verminderung der Immunabwehr der Schleimhaut z.B. durch autoaggressive Prozesse (wie beim SLE) hinzu, so beobachtet man auch schmerzhafte Ulzerationen oder ein verstärktes Pilzwachstum (sog. Candidabefall).
An der Zunge zeigen sich diese Veränderungen meist entweder durch eine verstärkte Fältelung oder auch durch eine Rückbildung der normalen Oberflächenstruktur der Zunge (glatte rote Zunge). Gerade bei schwerwiegenden autoaggressiven Prozessen hilft nur eine antientzündliche, immunsuppressive Therapie- der Speichelersatz oder die lokale Behandlung z.B. von Ulzerationen kann nur die Probleme lindern jedoch nicht beseitigen.

An Zähnen und Zahnhalteapparat zeigen sich bei verminderter Speichelproduktion eine starke Neigung zur Karies (Problem hauptsächlich bei Kindern mit einem Sjögren-Syndrom) und im Erwachsenenalter die Neigung zu parodontalen Erkrankungen. In diesem Zusammenhang spielen auch hormonelle Einflüsse und die häufig bei Frauen vorkommende Osteoporose eine nicht zu unterschätzende Rolle. Da die „neutralisierende" und „spülende" Wirkung des Speichels fehlt, kommt es gerade im Zahnhalsbereich zu Zahnplaqueansammlungen, die die Bildung von Zahnfleischtaschen verursachen. Bei guter und regelmäßiger Mundhygiene lassen sich diese Effekte minimieren, jedoch nicht vollständig beseitigen. Zeigen sich jedoch z.B. unzweckmäßige prothetische Rekonstruktionen oder abstehende und nicht exakt passende Füllungsränder, so beobachtet man in diesen Bereichen einen verstärkten Rückgang des Zahnhalteapparates mit der Folge der Zahnlockerung und dem Zahnausfall. Deshalb muss der Zahnarzt unbedingt auf das Sjögren-Syndrom hingewiesen werden und durch spezielle Vorkehrungen dem Patienten helfen, einem verstärkten Gebissverfall vorzubeugen. Dies sollte durch leicht zu reinigende prothetische Restaurationen und Kronen- bzw. Füllungsränder, die sichtbar und auch vom Patienten zu pflegen sind, geschehen. Außerdem sollten verstärkt sog. Prophylaxeleistungen in Anspruch genommen werden. Ca. vierteljährliche Zahnarztbesuche sind daher empfehlenswert.

 

Was kann der Patient selbst zur Aufrechterhaltung der Mundgesundheit und Linderung der Mundtrockenheit tun?

Da eine Kausalbehandlung" der Mundtrockenheit zu Zeit nicht möglich ist, bleiben für die Behandlung nur Externa oder speichelanregende Maßnahmen. Als sog. Externa stehen künstliche Speichellösungen mit verschiedenen auch z.T, speichelanregenden Substanzen zur Verfügung.
Als speichelanregende Maßnahmen bieten sich zuckerfreie Kaugummis (z.B. Wrigley's Orbit) oder zuckerfreie Bonbons an. Die„Spülung" der Mundschleimhaut mit Speiseöl fördert die Gleitfähigkeit der Schleimhaut und mindert die mechanische Belastung. Als milde antientzündliche Mundspülungen bieten sich auch Kamillenlösungen an.

Auch wenn die therapeutischen Möglichkeiten zur Behandlung der Mundtrockenheit insgesamt unbefriedigend sind, so kann der Arzt bzw. der Zahnarzt unter Ausschöpfung aller Möglichkeiten entscheidend zum Wohlbefinden des Patienten beitragen. Und sollte einmal der Hauszahnarzt „mit seinem Latein" am Ende sein, so stehen die Universitätszahnkliniken mit ihren Mundschleimhaut- und Speicheldrüsensprechstunden gern helfend zur Verfügung.